Montagmorgen
9:26 Uhr; Linz, St. Franziskus- Krankenhaus

 

 

 

Stumm verharrend saß die junge Frau an der Kante ihres Krankenbettes und grübelte. Leere herrschte in ihrem Kopf. Es gab kein Gestern nur das Jetzt. All ihre Erinnerungen wie ausgelöscht. Sie besaß nicht die geringste Ahnung, was sie geplant, oder wohin sie der Weg führen sollte, den sie am Morgen eingeschlagen hatte. Nicht einmal ihren Namen kannte sie. Es lag zirka eine Stunde zurück, als sie durch einen heftigen Schlag gegen die Beifahrerseitenscheibe ihres Wagens ihr Bewusstsein wiedererlangte. Die Polizei hatte das Fenster eingeschlagen, um ihr helfen zu können, weil der Wagen verriegelt war und niemanden Zugang bot. Hilflos mussten Menschen um den Wagen herumgestanden haben, die versucht hatten ihr zu helfen. Ein hinterher fahrendes Fahrzeug war ihr an einer Kreuzung hinten drauf gefahren und hatte sie auf den voran wartenden Wagen geschoben. Doch das wusste sie nur durch die Aussage des Polizisten. Ihre Identität konnte nur anhand ihres Autokennzeichens ermittelt werden, welches sie als Irene Valendar auswies und wurde zum Pferdebaron in Vettelhof zugeordnet.Papiere führte sie keine mit sich. Immer wieder fasste sie sich an den Kopf, tastete ihn ab. Es gab nicht einmal eine Beule und dennoch musste der Airbag sie so unglücklich getroffen haben, dass er ihre Vergangenheit auslöschte. Die ersten Untersuchungen in der Notfallaufnahme ließen auf keinerlei schwere innere Verletzungen schließen, also gingen die Ärzte von einem Schock aus, der bei ihr eine retrograde Amnesie auslöste. In einer sehr schweren Form. Nicht nur Ereignisse kurz vor ihrem Unfall waren betroffen, sondern ihr ganzes Vorleben wurde ausgelöscht. Im Grunde nichts

 

Beunruhigendes und in der Regel nicht weiter schlimm, hallten ihrnoch die Worte von Dr. Kamp in den Ohren. Seiner Aussage nach sollten ihre Erinnerungen nach wenigen Stunden wieder in Takt sein. Nur in seltenen Fällen konnte sich dieser trübe Zustand auch schon mal über einige Tage hinweg ziehen. Bis zur Klärung ihrer wahren Identität hatte er sie auf der Intensivstation untergebracht, um zu verhindern, dass durch äußere Einflüsse ihre Genesung beeinträchtigt wurde, die durch unverhofften Besuch, gar einen weiteren Schock auslösen konnten, wenn sie mit unangenehmen Dingen konfrontiert wurde. Das nebenstehende Bett stand leer. Dr. Kamp hatte darauf geachtet, sie möglichst alleine unterzubringen. Zum Glück gab es an diesem Montag die Gelegenheit dazu.

 

   Erschöpft sackte sie zusammen und führte ihre Hände zum Gesicht und vergrub es. »Irene Valendar«, murmelte sie vor sich her und versuchte sich dabei einen Pferdehof vorzustellen. Vergeblich. Nichts konnte sie mit Pferden verbinden und so versuchte sie dem Rat von Dr. Kamp zu folgen und den Namen aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. Solange die Polizei ihre wahre Identität noch nicht ermittelt hatte, sollte sie sich damit nicht identifizieren. Aber der Name ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Stumm drehte sie ihren Kopf Richtung Fußende und schaute in einen Spiegel, den eineSchwester auf dem kleinen Tisch vor ihrem Bett aufgestellt hatte. In ihrem Gesicht konnte sie nichts Vertrautes wiederfinden. Ihre kurzen, dunklen Haare, ihr schmales und hübsches Gesicht, ihr schlanker Körper, nichts konnte ihr die Erinnerung an ihrem Leben erwecken. Wieder setzte sich der Name Irene Valendar in ihrem Kopf fest, sie konnte nicht dagegen ankämpfen, was wollte ihr der Name sagen? Ermattet ließ sie sich zur Seite fallen und starrte die Herzlungenmaschine an, die neben ihrem Bett stand. Was wohl schlimmer war, ohne Erinnerungen zu leben, oder auf diese Maschine angewiesen zu sein? Sie gab auf darüber nachzudenken. Mühsam zog sie ihre Beine ins Bett und versuchte Schlaf zu finden.

 

         
An diesem Morgen herrschte auf der Rheinhöhenstraße der übliche Verkehr. Traktoren mit ihren schweren Anhängern donnerten über den Asphalt und bremsten den normalen Autoverkehr ab. Die Straße war stellenweise recht schmal und unwegsam, so dass man nicht überall überholen konnte und so stauten sich hinter landwirtschaftlichen Fahrzeugen schon mal ein paar PKW an. Ein starker Wind trug auch zum Leidwesen der Fahrer bei. Heftige Böen rüttelten die Fahrzeuge durch und schleuderten Schmutzpartikel gegen die Karosserien. Zum Ärgernis der Fahrzeughalter. Ungewöhnlich für den Spätsommer.  

 

Auf einem schmalen Seitenarm der Rheinhöhenstraße stand ein  dunkelgrüner PKW Kombi. Hinterm Steuer eine Person, die ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad herum trommelte und ständig auf die Uhr im Cockpit schaute. Sie trug ein Kapuzenshirt, tief über die Augen gezogen. Niemand der vorbeirauschenden Autofahrer war es vermocht zu bestimmen, ob eine Frau oder Mann am Steuer saß. Das schien auch niemanden zu kümmern. Oft standen dort Fahrzeuge und warteten oder parkten und so vermutete auch niemand, dass eine Straftat dahinter stecken konnte.

 

          
Ein Streifenwagen bog auf einen staubigen Feldweg ab, entlang an einer Koppel. Hauptkommissar Bernd Fellner saß hinterm Steuer, neben ihm sein Kollege Eric Hopfner. Nach der letzten Unfall-aufnahme, die gerade mal eine Stunde zurücklag, gingen sie dem einzigen Hinweis nach, der ihnen zur Verfügung stand, um die Identität des Unfallopfers herauszufinden. Dazu suchten sie das Anwesen Bill Valendars auf, der im Westerwald eine tragende Rolle spielte. Bernd Fellner hoffte sehr, dass es sich bei der Fahrerin auch wirklich um Irene Valendar handelte, sonst ginge die Suche nach ihrer wahren Identität weiter. Er hasste Recherchearbeiten. Anders sein junger Kollege Eric Hopfner, der beeindruckt an seinem Kollegen vorbeischaute und die Stallungen in Augenschein nahm, die sich hinter der Koppel auf einem Hügel erhoben. Er schätzte, dass dort mindestens 100 Pferde untergebracht waren, Tiere von nur edler Rasse, so wie man erzählte. Allerdings missfiel ihm die große Reithalle, die mehr einer Westernscheune glich, jener Sorte, die man aus Wildwestfilmen her kannte, wo einst Helden wie John Wayne sein Pferd zum Übernachten abstellten, halt nur größer und mit Sicherheit auch komfortabler, aber das konnte er so von außen nicht beurteilen.
   Eric Hopfner strotzte vor Gesundheit und sein junger Körper ähnelte dem eines Athleten. Sportlich und gut durchtrainiert. Ab seinen Schultern aufwärts sah er eher abenteuerlich aus. Es kam öfters vor, dass er morgens unrasiert zum Dienst erschien, was seinen Partner stets auf die Palme brachte, weil er, seiner Meinung nach, gegen die Vorbildfunktion verstieß und so bemängelte er auch immer wieder seine Frisur. Erics dunkles Haar lag wie ein unbändiges Gewurschtel auf seinem Kopf, welches er immer wieder versuchte nach hinten zu legen, was aber nicht lange hielt. Ein Radikalschnitt konnte da nur abhelfen, aber davon ließ er sich nicht überzeugen. Bernd Fellner hingegen stellte da mit seiner Mitte fünfzig das krasse Gegenteil dar. Er trug graues Haar, knabenhaft geschnitten mit bravem Seitenscheitel. Immer frisch rasiert und dieUniform aufpoliert. Mit seinem Körper ging er weniger pfleghaft um. Sein Bauch war das Indiz für die langjährige gute Küche seiner Frau; kugelig. Auch strotzte er nicht so vor Tatendrang.

 

   »Wollen wir mal hoffen, dass die junge Frau wirklich zu dem Pferdenarren gehört«, murmelte Bernd Fellner abfällig, während er auf das große Blockhaus zusteuerte.

 

   »Du kannst es wohl kaum erwarten den Fall abzuschließen«, stichelte sein Kollege, worauf Bernd Fellner nur grunzte, dem Eric keine Beachtung schenkte. Die ständigen Nörgeleien seines Partners ignorierte er mittlerweile. »Warst du schon mal hier?«, fragte er interessiert nach, weil er, obwohl er in der unmittelbaren Nähe wohnte, noch nie das Anwesen betreten hatte.

 

   »Nein, hatte auch nie das Bedürfnis«, maulte er zurück, während er das Blockhaus beäugte, das mit jedem Meter, den er fuhr, immer größer wurde, als würde es wachsen. Die untere Etage, die rundherum von einer Veranda gesäumt wurde, war mit Bruchsteinen gemauert mit eingefassten Fenstern, darüber ragten Giebelfenster aus dem Dach hervor. Er fuhr an die Veranda heran und stellte den Wagen neben einem schwarzen Jeep ab. Neben der protzigen Karosse, wirkte der Dienstwagen eher wie ein Babyauto. Aber in dieser unwegsamen Gegend, war dieser Wagen mit Sicherheit die vernünftigste Form der Fortbewegung. Er dachte nicht lange darüber nach und stieg sofort aus. Seine Ungeduld brannte förmlich darauf dem sogenannten Pferdebaron die Mitteilung an den Kopf zu schmettern und die Verantwortung an ihn weiterzugeben. Vorausgesetzt, es war seine Frau. Er fluchte als er über den staubigen Boden stapfte. Mit jedem seiner Schritte wurde eine kleine Staubwolke aufgewirbelt, die sich über seine polierten Schuhe wie ein Film legte.

 

   Eric konnte darüber nur lachen. Unbeirrt stieg er die Stufen der Veranda hinauf und fixierte das auf Hochglanz polierte Messingschild. Ein Hufeisen war dort eingearbeitet, darüber im Halbbogen geschrieben »Ranch Valendar«. Während er seine Dienstmütze zurecht zog, blinzelte er durch ein Fenster in ein Zimmer, in dem er eine ältere Frau wahrnahm. Dann zog er, als würde er sich auskennen an einem Lasso, das neben der Haustür herunterbaumelte und wie erhofft, wurde die Türglocke betätigt, wodurch die Frau aufgeschreckt wurde. Mehr noch, als sie durch ihr Bürofenster die beiden Beamten erblickte. Sofort eilte sie zur Tür und öffnete.

 

   Überrascht und gleichzeitig enttäuscht starrte Eric die Frau an, die ihn höflich und mit leichter Besorgnis begrüßte und sich gleich als Sekretärin vorstellte, wobei ihr amerikanischer Akzent deutlich hervorstach. Er hatte eher mit einer jungen Sekretärin gerechnet, groß, schlank und mit wallenden Haaren, aber Miss Livington, so wie sie sich vorgestellt hatte und auf dieses Miss, wie er an ihrer Betonung ausmachen konnte, besonderen Wert legte, erfüllte nicht annähernd diese Kriterien. Als er sie eben durchs Fenster erblickte, glaubte er, sie sei Bill Valendars Mutter. Mit ihren Ende fünfzig und ihrem betagten Auftreten, erweckte sie den Anschein einer strengen Gouvernante, einer Person, der man nicht gerne widersprach, weil man mit einer massiven Standpauke rechnete. Sie war sehr seriös gekleidet und ordentlich frisiert. Graues, kurzgeschnittenes Haar, mit einer leichten Fönwelle aufgepeppt.

 

   So, wie es die Dienstvorschrift forderte, stellte sich Eric zunächst einmal vor. »Das ist mein Kollege Bernd Fellner und ich heiße Eric Hopfner, wir hätten gerne Herrn Valendar gesprochen.«

 

   Mit einladender Gestik ebnete Miss Livington den Weg. »Ist irgendwas schlimmes passiert?«, erkundigte sie sich sogleich, als die Beamten eintraten.

 

   Eric wandte sich nach ihr um, nachdem er sie passiert hatte. »Das möchten wir Herrn Valendar selber berichten.«

 

   Mit energischem Kinn wanderte Miss Livington voran. Sie durchquerte die große Diele, die durch eine breite Treppe am Ende getrennt wurde und schritt gezielt auf eine Tür auf der linken Seite zu, gleich neben ihrem Büro. Sie klopfte und wartete kurz, bis die mürrische Stimme ihres Chefs ertönte, erst dann schob sie die Tür vorsichtig auf und stellte sich in den Rahmen.

 

   Bill Valendar saß nervös mit seinen Fingern trommelnd am Schreibtisch. Den ganzen Morgen zeigte er sich schon unruhig und hitzig, weil seine Verabredung auf sich warten ließ. Er hasste Unpünktlichkeit und wenn Leute ihre Verabredungen nicht einhielten und ihm somit seinen Tagesablauf durchkreuzten und ihn zum Umdisponieren zwangen. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit standen bei ihm an erster Stelle. Das war seine Art sein Gestüt zu leiten und gehörte mit seinen 39 Jahren wahrscheinlich auch deswegen zu den ganz großen Geschäftsmännern in der Pferdewelt. Nichts dem Zufall überlassen. Sicher, er führte das Gestüt nur weiter, aber seit er es leitete hatte er deutliche Akzente gesetzt, den guten Ruf allerdings hatte er sozusagen geerbt. Ein Unternehmen, das er bedingt durch die familieninterne Erbfolge alleine leiten durfte. Und auch das beruhte nicht auf Zufall. Das Erbe der Valendars unterlag einem bestimmten Brauch, der schon kultähnliche Züge trug. Nur wer von den Nachfolgern einen amerikanischen Ehegatten heiratete, wurde mit dem Generalerbe bedacht. Jakob Valendar war Urheber dieses Erbrechts, was unumstößlich in den Statuten festgeschrieben stand. Nach einer langen Amerikareise um die 19 Hundert kam er mit einer Frau zurück und baute mit ihrem Sachverstand das Anwesen auf und somit lieferte diese Begebenheit den Grundstein des Erbrechts. Da Bill alle Kriterien ordnungsgemäß erfüllt hatte, durfte er das Generalerbe antreten. Seine stattliche Erscheinung, die ihn wie einen Westernhelden wirken ließ, benutzte er dabei gerne als Aushängeschild. Mit seiner einmeterneunzig Körpergröße und seinem schweren Kreuz stand er einem Cowboy nichts nach. Auch sein markantes Gesicht mit dem typischen Dreitagebart unterstrich seine Männlichkeit, nur seine blonden Haare, die ihm ausgingen, ließen ihn etwas älter erscheinen, aber wenn er seinen Stetson trug, fiel das niemanden auf.

 

   »Was gibt es?«, dröhnte er Miss Livington entgegen, die gelassen blieb. Nach ihrer langen Dienstzeit bei den Valendars, die nun fast vierzig Jahre betrug, konnte sie nichts mehr so leicht aus der Fassung bringen. Die harten Regeln berührten sie schon lange nicht mehr. Schon damals, als Bills Vater Wilhelm sie aus Amerika anwarb, wehte auf der Ranch schon ein heftiger Wind, aber er zahlte gut und so ließ es sich für sie aushalten.

 

   »Da möchten Sie zwei Polizisten sprechen«, sagte sie kühl.

 

   Leicht zusammengezuckt setzte sich Bill auf. »Sollen rein-kommen.« Eine bedrückende Vorahnung befiel ihn plötzlich, die auf einen Zwischenfall mit seiner Verabredung deutete.

 

   Miss Livington bat die Beamten herein und schloss die Tür wieder von außen.

 

   Sofort war Bill aufgestanden und um seinen Schreibtisch herumgewandert. Mit wenigen Schritten trat er den Beamten entgegen und streckte dem Älteren zuerst seine Hand entgegen.

 

   »Was kann ich für Sie tun?«, holte er gleich Erkundigung ein, und nur nebensächlich drückte er auch Eric die Hand. Ungeduldig fixierte er Bernd Fellner, den er für den Rädelsführer hielt.

 

   So, wie es Bill mit seiner oberflächigen Begrüßung hielt, schenkte Eric dem hochgewachsenen Mann keine Beachtung und legte seinen Focus mehr auf die Räumlichkeiten, die er neugierig in Augenschein nahm. Auch hier innen waren die Wände mit grauen Bruchsteinen gemauert und verliehen dem Büro das Flair eines Weinkellers. Ein paar schwere massive Eichenschränke sorgten jedoch für etwas Behaglichkeit, die neben dem offenen Kamin standen. Davor sorgte eine lederne Sofagarnitur mit zwei schweren Sesseln für Bequemlichkeit. Aber der niedrige, massive Granittisch vermittelte eher den Eindruck um eine Grabplatte herumzusitzen. Hinter dem Schreibtisch erstreckte sich eine große Fensterfront mit Glastüren die für einen großzügigen Panoramablick sorgten, der allerdings in die karge Landschaft des Hügels zeigte, da konnte auch die gemütliche Terrasse nicht drüber hinwegtäuschen.

 

   Während Eric seine Neugier stillte, suchte Bernd Fellner nach den richtigen Worten. Er wusste gar nicht wie er anfangen sollte. Er hasste Momente wie diese und jedes Mal, wenn er schlechte Nachrichten überbringen musste, wünschte er, er würde bei der Lottogesellschaft arbeiten und dürfte stattdessen Millionengewinne verkünden.  

 

   »Ihre Frau hatte heute Morgen einen Unfall…«, sagte er plötzlich.

 

   »Was?«, unterbrach Bill  aufgeregt, weil er mit dem Schlimmsten rechnete, »hatte sie ein kleines Mädchen dabei?«, war sein erster Gedanke, nicht auszudenken, wenn seiner Tochter etwas zugestoßen wäre.

 

   »Nein«, antwortete Bernd Fellner, »sie saß alleine im Wagen.«

 

   Bill atmete erleichtert auf. »Dann hat sie Miriam wohl in den Kindergarten gebracht.« Abwesend grübelte er. »Das erklärt natürlich alles.«

 

   »Erklärt was?«, hakte Eric nach, der seine Aufmerksamkeit schlagartig auf das Gespräch gelenkt hatte.

 

   »Meine Frau.« Bill stockte. »Besser gesagt, Nochfrau, hatte heute Morgen eine Verabredung mit mir, sie sollte mit meinem Angestellten unter anderem die neuen Stallungen besichtigen, um einen Bericht zu verfassen, sie arbeitet für einen Verlag – aber sie ist nicht gekommen. Ich habe sogar mehrmals versucht sie auf ihrem Handy zu erreichen.«

 

   Eric sah seinen Kollegen verwundert von der Seite an, lenkte seine Aufmerksamkeit aber gleich wieder auf Bill. »Sie wohnt nicht hier?«

 

   »Ja, seit einem halben Jahr. Wir leben getrennt.«

 

   »Der Wagen ist aber noch auf diese Adresse gemeldet.«

 

   Ahnungslos schob Bill seine Schultern hoch. »Sie wird ihn noch nicht umgemeldet haben.« Wieder grübelte er. »Wie erkläre ich es nur meiner Tochter, dass ihre Mutter nicht mehr…« Er sprach den Satz nicht aus. Betroffen senkte er seinen Blick.

 

   Verdutzt blinzelte Eric seinen Kollegen an. Allen Anscheins nach, glaubte Bill Valendar Witwer geworden zu sein. Peinlich dieses Missverständnis, er musste dringend für Aufklärung sorgen. »Nein, nein«, redete er beschwichtigend auf ihn ein, »Ihre Frau ist nicht tödlich verunglückt. Es war bloß ein heftiger Auffahrunfall. Ihre Frau ist dabei auf das vordere Fahrzeug aufgeschoben worden, wobei der Airbag aufgesprungen ist.«

 

   Hastig schaute Bill den jungen Beamten an. »Warum sind Sie dann hier?« Er wirkte plötzlich sehr ungehalten.

 

   »Entschuldigen Sie bitte«, erbat Bernd Fellner um Nachsicht, »das ist uns sehr unangenehm.« Er musste sich peinlich berührt die Stimme auffrischen. »Wir sind eigentlich hier, damit Sie die Fahrerin identifizieren.«

 

   Verstört legte Bill sein Kinn in Falten. »Ich verstehe nicht.«

 

   »Ihre Frau hat durch den Unfall das Gedächtnis verloren und wir konnten sie nur anhand des Kennzeichens zuordnen.«

 

   »Bitte?«, entgegnete Bill außer sich. Seine Verärgerung spiegelte sich in seinem Gesicht wieder. »Sie wissen nicht einmal, ob es meine Frau ist?«

 

   »Ja«, fuhr Eric dazwischen, »sie führte keinerlei Papiere mit sich.«

 

Er kramte sein Handy hervor, tippte auf dem Display herum und streckte es Bill entgegen. Er hatte extra ein Foto von der Unbekannten geschossen. Zurückgeschreckt betrachtete er das Bild, dass ihm der Beamte entgegenstreckte.

 

   »Ist sie das nicht?«, hakte Bernd Fellner nach, dem Bills Reaktion nicht verborgen blieb.

 

   »Doch.« Bill wedelte irritiert mit einer Hand um seinen Kopf herum. »Sie hat die Haare ab.«

 

   »Wann haben Sie Ihre Frau denn das letzte Mal gesehen?«, interessierte Eric.

 

   Bill zuckte mit der Schulter. »Vor zirka sechs Wochen, als wir das Zeitungsprojekt besprochen haben.«

 

   »Wie ist denn Ihre Beziehung zu Ihrer… Nochfrau?«, setzte Eric eine Frage nach und legte dabei besondere Betonung auf Nochfrau.

 

   Bernd Fellner verdrehte die Augen, als sein Kollege diese persönliche Frage stellte. Warum konnte er sich jetzt nicht einfach verabschieden. Sie hatten ihre Pflicht erfüllt, nun musste Bill Valendar die Verantwortung übernehmen.

 

   »Wir haben ein gutes Verhältnis«, hob er ausdrücklich hervor, »unsere Trennung beruht auf gegenseitigem Einverständnis – unsere Tochter kommt auch regelmäßig zu mir«, stellte er klar um weitere Spekulationen gleich auszuräumen.

 

   »Das ist schön«, sagte Eric zufrieden, mit einem Schuss Ironie in der Stimme, »dann gehen wir davon aus, dass Sie sich um Ihre Frau und Kind kümmern werden.«

 

   »Aber selbstverständlich«, reagierte Bill mit unterdrückter Brüskierung, »halten Sie mich für verantwortungslos?«

 

   Eric lächelte beschwichtigend, führte aber einen weiteren provozierenden Gedanken, weil er merkte, wie sehr Bill bestrebt war, seine Position als Ehrenmann zu verteidigen. Ein Versuch, der bei ihm abstoßend wirkte. Edle Ritter hoben sich nicht hervor, sie machten einfach.

 

   »Ich wollte nur sicher gehen«, fügte Eric neutral hinzu, was äußerste Disziplin von ihm abverlangte. Aber es schickte sich nicht als Polizist, provozierend auf Opfer verbal einzuprügeln. Das fiel unter Vorverurteilung. »Ihre Frau ist wirklich auf Ihre Hilfe angewiesen, sie ist völlig orientierungslos.«

 

   »Wo finde ich meine Frau?«

 

   »Ihre Frau ist ins Linzer Krankenhaus eingeliefert worden«, erklärte Eric und griff in eine Brusttasche seiner Uniform, dort zog er  ein Kärtchen hervor und streckte es Bill entgegen. »Das ist die Werkstatt, die den Wagen Ihrer Frau abgeschleppt hat – wäre gut, wenn Sie sich darum auch kümmerten. Wundern Sie sich bitte nicht, wir mussten eine Scheibe einschlagen, weil der Wagen von innen verriegelt wurde und Ihre Frau bewusstlos über dem Steuer hing.«

 

   In Gedanken weit weg, zuckte Bill plötzlich zusammen, als Eric mit dem Kärtchen vor seinen Augen kokettierte. »Ja, danke«, stammelte er und nahm das Kärtchen an sich.

 

   »Wir brauchen auch noch die Personalien Ihrer Frau und die Daten des Fahrzeuges«, fuhr Bernd Fellner pflichtbewusst dazwischen.

 

   »Ich werde mich darum kümmern­ – sie hat sie sicher verloren –Irene besitzt keine Handtasche und trägt ihre Ausweismappe in ihrer Jeans mit, es ist schon vorgekommen, dass sie ihre Ausweismappe beim Einsteigen in den Wagen verloren hatte.«

 

   »Dann sollten Sie den Verlust melden«, empfahl Bernd Fellner, »Sie werden noch Post erhalten mit einem Anhörungsbogen«, schob er hinterher.

 

   Mit einem Nicken bestätigte Bill, dass er den Beamten verstanden hatte.

 

   Als Eric noch eine Frage stellen wollte, fiel sein Kollege ihm direkt ins Wort. »Das wäre im Moment alles. Wir verlassen uns auf Sie.« Bernd Fellner bedeutete seinem Kollegen mit seinen Blicken, dass es an der Zeit war das Feld zu räumen, damit Bill Valendar seiner Verpflichtung nachkommen konnte. Er salutierte mit seinem Zeigefinger. »Falls Sie noch Fragen haben, können Sie zu jeder Zeit in unserer Dienststelle anrufen.«

 

 

 

Als Eric die Stufen der Veranda hinabstieg schaute er interessiert über seine Schulter das Gebäude an. Als er unten angekommen war, drehte er sich um 180 Grad und betrachtete das Haus genauer.

 

   »Nu komm schon«, drängte Bernd Fellner. Hastig riss er die Wagentür auf und schob sich hinters Steuer. Sekunden später saß sein Kollege neben ihm und schaute ihn an.

 

   »Ich habe das Gefühl, Valendar hätte seine Frau viel lieber tot identifiziert.«

 

   Gereizt atmete Bernd Fellner durch und startete den Wagen. »Du hast doch gehört, sie leben getrennt. Wahrscheinlich haben sie sich nicht mehr viel zu sagen.«

 

   »Dann hätte er seine Fürsorge nicht so sehr hervorheben müssen. Als er noch glaubte, sie sei tot, zeigte er keinerlei Gefühlsregung. Er sorgte sich nur um seine Tochter. Und er hat nicht einmal nachgefragt, wo es passiert ist.«

 

   »Du solltest dir nicht zu viel Gedanken um die Privatangelegenheiten anderer Leute machen«, schimpfte Bernd Fellner und unterband gleich einen Einwand seines Kollegen, der schon Luft geholt hatte, »das ist deren Problem.«

 

*

 

Fast schon zur gewohnten Abholzeit befand sich Bill auf dem Weg zum Zweckverbandkindergarten der etwas außerhalb von Rheinwall lag, nahe der Gemeinschaftsschule, direkt gegenüber der Schulsportanlage. Mit gemäßigtem Tempo, so wie es die Straßen-verkehrsordnung in Verkehrsberuhigten Zonen vorschrieb, tuckerte Bill die Straße entlang, vorbei an dem gepflegten Rasen der Schulsportanlage. Langsam steuerte er den Wagen in einer der Parknischen vor dem Kindergarten. Ebenso gemächlich stieg er aus und schlenderte den Weg zum Eingang hinunter. Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust öffnete er die Tür und trat in die Aula, von der aus in fünf Richtungen die einzelnen Gruppen verteilt lagen. Eine Weile stand er hilflos herum, als wüsste er nicht, welche Gruppe er aufsuchen musste, dabei kannte er ganz genau die Tür, die zu seiner Tochter führte, schließlich hatte er Miriam schon des Öfteren hier abgeholt.Die momentane Situation war es die ihn zögern ließ. In Verkünden von schlechten Nachrichten verfügte er über wenig Erfahrung. Wie sollte er seiner Tochter den Unfall ihrer Mutter erläutern, ohne dass sie in einen Weinanfall ausbrach? Hilflos würde er dann vor ihr stehen, konnte ihr keinen Trost spenden, weil ihm der enge Bezug zu seiner Tochter fehlte. Er war ihr Erzeuger, mehr eigentlich nicht. Nicht, dass er seine Tochter nicht liebte. Alles tat er für sie, aber Zuneigung konnte er ihr keine geben. Mit einem tiefen Seufzer holte er sich Mut und wanderte auf eine Tür zu und öffnete sie ohne anzuklopfen, das wäre ohnehin zwecklos gewesen. In dem Gewirr des Kindergeplärrs würde ohnehin niemand seine höfliche Geste wahrnehmen, dies hatte seine Erfahrung in der Vergangenheit oft gezeigt. Er blieb eine Weile im Rahmen stehen und schaute sich nach seiner Tochter um, die er aber auf Anhieb nicht ausfindig machen konnte. Etwa 17 Kinder wurden in der Gruppe betreut, von denen einige Kinder im anliegenden Garten spielten, der durch einen zweiten Ausgang zu begehen war. Im Nebenraum konnte er auch Kinder wahrnehmen. Als er Miriam nicht erblicken konnte, ging er auf eine Kitaangestellte zu, die an der Anrichte stand und Tee in eine Thermokanne füllte. Sie blickte Bill an, als sie ihn auf sich zumarschieren sah. Sie hatte ihn bereits bemerkt, als er die Gruppe betrat. Sie war noch recht jung. Schlank, klein und blonde Haare bis auf die Schultern. Freundlich begrüßte sie Bill, den sie vom Ansehen her, seit einem halben Jahr kannte. Sie schien etwas verwirrt.

 

   »Hallo«, grüßte er freundlich zurück, »ich wollte meine  Tochter abholen.«

 

   Entrückt schaute die Frau zu ihm auf, als stünde sie vor einem unbezwingbaren Berg. »Ihre Tochter ist nicht hier«, erklärte sie.

 

   Erstaunt stieß Bill einen Laut aus. »Wieso, nicht hier?«

 

   »Sie ist heute nicht gekommen«, erklärte sie irritiert. Für sie unverständlich, dass er nicht Bescheid wusste.

 

   »Hat meine Frau irgendwas gesagt, warum?«

 

   Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Wir dachten, Miriam würde wieder ein verlängertes Wochenende bei Ihnen einlegen.« Für die junge Kita- Angestellte nichts Ungewöhnliches, während sich bei

 

Bill sich in diesem Moment alles zu drehen schien. Verstört griff er sich an die Schläfen, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und suchte nach einer Erklärung. Miriam sollte heute Morgen mit auf die Ranch kommen, warum saß sie dann nicht im Wagen, wenn sie nicht im Kindergarten war? Haltlos wanderten seine Blicke wild umher, als hoffte er Miriam doch noch zu entdecken.

 

   Die junge Kindergärtnerin bemerkte die Verzweiflung, die auf Bill lastete, als er ihre Nachricht empfing. Beinahe glaubte sie, er kollabiere. Vorsichtig fasste sie ihm an den Arm. »Herr Valendar, geht’s Ihnen nicht gut?« Ihre Stimme klang besorgt.

 

   Entrückt starrte er auf die junge Frau nieder. »Entschuldigung, aber ich bin etwas verwirrt«, faselte er vor sich her und schaute erneut irritiert durch den Raum. Dann fasste er sich. »Meine Frau hatte heute Morgen einen Unfall…«

 

   »Das ist ja furchtbar«, warf die junge Frau dazwischen, »wie geht es ihr?«

 

   Bill schloss für einen kurzen Moment seine Augen. Er brauchte eine Weile um seine Gedanken zu sortieren. »Gut«, antwortete er knapp und ließ dabei seine Blicke suchend auf dem Boden umherwandern, »gut«, wiederholte er leise, »sie hat allerdings ihr Gedächtnis verloren – und jetzt ist auch noch Miriam weg.«

 

   Die junge Frau suchte nach einer plausiblen Erklärung. »Vielleicht hat Ihre Frau sie zu einer Freundin gebracht, oder Kindermädchen und hat bloß vergessen Bescheid zu geben.«

 

   Schlagartig war Bill wieder hellwach und gefasst. »Freundin? Kindermädchen? Kennen Sie sie?«

 

   »Nein – nur – Miriam hat in den letzten Tagen von einer Karla erzählt.«

 

   »Karla wer?«, verlangte Bill zu wissen.

 

   »Ich weiß es nicht.« Nachdenklich kniff die Frau ihre Augen zu und durchstöberte konzentriert ihre grauen Zellen. »Tut mir leid.« Mitfühlend schob die junge Frau ihre Schultern hoch. Das Schicksal von Frau Valendar ging ihr sehr nahe, aber so sehr sie ihrem Mann auch helfen wollte, sie kannte nur den Vornamen der gewissen Freundin. »Ich habe wirklich keine Ahnung, Miriam erzählt ja nicht gerade viel«, fügte sie hinzu, was schon beinahe, wie ein Vorwurf klang, »aber ihre Freundin wird sich doch sicher melden, wenn Ihre Frau sie nicht abholt.«

 

   Bedacht und etwas beruhigt nickte Bill. Seine Sorge war vermutlich unnötig. Wenn Irene sich nicht meldete, würde Miriam schon dafür sorgen, dass sie bei ihm anriefe. Er musste nur ein wenig Geduld aufbringen.

 

*

 

 

 

Ein silberner Mercedes SLC fuhr an die Veranda des Hauses Valendar heran. Am Steuer saß eine Frau. Schlankes Gesicht, umrandet von schulterlangen, blonden Haaren. Sie war schon sehr verwundert, dass Bill sie kommen ließ. Sie hassten einander gründlich. Natürlich hatte er sie nicht persönlich angerufen. Diese unangenehme Aufgabe durfte Miss Livington erledigen, die am Telefon keine genaueren Erklärungen herausgeben durfte, dies behielt sich Bill persönlich vor. Tanja Bartoli war Privatdetektivin. Mit ihren 37 Jahren verfügte sie über eine Menge Erfahrung, was Bill allerdings anders beurteilte. Er stufte ihre Arbeit mit Mangelhaft ein und hatte sie sozusagen damals vom Hof gejagt und nahm die Sache selber in die Hand. Am Morgen, nach Miss Livingtons Anruf, hatte Tanja ihren Bericht, über den zurückliegenden Fall noch mal vor Augen geführt. Mehr als zwei Jahre lag es nun zurück, als sie hier als Bodyguard für seine Frau eingeschleust wurde, weil Bill glaubte, dass seine Frau von einem Stalker bedrängt wurde. Es gab wenig Hinweise, nur einen Liebesbrief, der auf Irenes Bett gefunden wurde und dieses aufdringliche Aftershave des Täters, welches oft in der Luft ihres Schlafzimmers hing und auch in ihrem Wagen, das am Ende auf Peter Valendar schließen ließ, den jüngeren Bruder von Bill, der bis zu einem Jahr zuvor noch mit im Haus lebte. Tanja befand die Beweislage für sehr schwach, doch durch Peter Valendars Selbstmord, nachdem Bill ihn persönlich überführt hatte, fühlten sich alle bestätigt. Nun war sie gespannt, warum sie jetzt wieder ins Hause Valendar zurückkehren durfte und genoss diese Genugtuung mit einem breiten Grinsen.